intern

Unsere Geschichten

Allein ist die Frau, mutig und stark!

Ticktack, Ticktack … immer lauter tickte meine biologische Uhr, je weiter ich auf die Vierzig zuging, die fiktive Grenze fürs Kinderkriegen. Eine ständige innere Unruhe umgab mich, und ich begann immer ernsthafter darüber nachzudenken, wie ich zu einem Kind kommen könnte. Eine Freundin hatte ich nicht und auch nicht die Intention, krampfhaft eine dazu zu machen, um sie dann bei der ganzen Kinderaktion womöglich wieder zu verlieren, weil es ihr zu stressig werden könnte. Und irgendwann dachte ich mir: Allein ist die Frau, mutig und stark!

Eine gewisse Zeit ließ sich der Kinderwunsch übrigens noch einigermaßen mit Bier und Jack-Cola unterdrücken. Jedes Wochenende voll wie Harry, lag ich auf den Böden sämtlicher Tanzflächen, die Luftgitarre fest im Anschlag, was meist den durchgestyltesten Discohaserln die Show stahl. Ein wahrer Cowboy halt.

Ich war kein unbeschriebenes Blatt mehr, was den Versuch angeht, schwanger zu werden. Zahllose männliche Freunde, Kollegen und Bekannte hatte ich gefragt, die immer zunächst begeistert waren, sich aber dann durch das Scheunentor, dass sie sich offen hielten, verdünnisierten. Sie zogen im wahrsten Sinne des Wortes den Schwanz ein.

Da die Befruchtungsgeschichte auf diesem Weg nicht funktionieren wollte, war der nächste Plan, es einfach mit Sex ohne Gummi zu probieren. Aber alleine an einem Montagabend im Nachtcafé abzuhängen (man kann den Eisprung schließlich nicht aufs Wochenende verschieben), einen Typen zu finden, der einem zusagt, einigermaßen nüchtern zu bleiben, Sex um die Ecke zu haben und dann auch noch leer auszugehen – all das war reichlich nervig.

Über die Freundin einer Freundin habe ich die Nummer einer Freundin bekommen, die bei einem Arzt gleich in der Nähe ihren Kinderwunsch stillen konnte. Ein bisschen unsicher rief ich bei selbigem an. Schließlich wusste ich nicht genau, wie man dort reagieren würde. Als ich mich vortastete und erklärte, ich würde mich für die Kinderwunschbehandlung interessieren, fragte mich die Sprechstundenhilfe am Telefon wie aus der Pistole geschossen: "Fremdsperma oder Eigensperma?" Ich hatte mir extra eine Freundin organisiert, die mich begleiten sollte, und zwar als meine Partnerin, damit der Arzt kein schlechtes Gewissen hatte, eine Singlefrau zu inseminieren. Deshalb sagte ich: "Ich komme mit meiner Freundin." Die Stimme am anderen Ende meinte: "Also Fremdsperma." Ich war überrascht, wie selbstverständlich das lief. Dann ging alles ziemlich schnell. Es gab einen Beratungstermin. Ein paar rechtliche Dinge waren noch zu klären. Eine Sitzung bei einer Psychologin. Die erste Insemination. Vierhundert Euro plus Mehrwertsteuer pro Versuch.

Ich hielt die ganze Aktion geheim, was mir als altem Tratschhaferl unheimlich schwerfiel. Aber ich wollte keinen Erfolgsdruck. Die komischen Blicke auf meine Limo (so was hatte ich zuletzt mit zwölf getrunken) und die blöden Fragen, warum ich schon heimgehen würde, haben mich schon genug genervt. Besonders schlimm war es in der Arbeit, wo praktisch jeden Tag eine Flasche Prosecco geköpft wird. Und ich war schließlich nicht gerade diejenige, die man zum Trinken überreden musste.

Leider hat die Insemination beim ersten Mal nicht geklappt, obwohl ich nach der Behandlung total vorsichtig herumgelaufen bin, damit diese blöde Kappe ja nicht rausfiel. Das hätte ich mir sparen können! Als ich am Abend an der Nylonschnur zog, um die Kappe von meinem Muttermund zu entfernen, bin ich fast verzweifelt. Das Ding hat sich dermaßen festgesaugt, dass ich schon dachte, wenn ich jetzt noch fester ziehe, dann kommt die ganze Gebärmutter mit raus. Nach ein bisschen Tüfteln habe ich dann wohl im richtigen Winkel gezogen. Jedenfalls hatte ich das widerspenstige Ding schließlich in der Hand. Gott sei Dank! Die durchsichtige Kappe hatte fünfzig Euro gekostet und war angeblich wiederverwendbar. Ich sollte sie aufbewahren und im Falle des Falles beim nächsten Inseminationsversuch wieder mitbringen. Natürlich habe ich die Kappe aufgehoben, aber als ich sie einen Monat später für den zweiten Versuch brauchte, musste ich erst mal suchen, bis ich sie schließlich ganz verstaubt inmitten meines Schreibtischchaos fand. Ich beschloss, sie erst mal zu sterilisieren, und warf sie in den Wasserkocher. Tja, danach war das Ding nicht mehr rund. Es sah jetzt eher aus wie ein durchgekauter Bazooka-Joe-Kaugummi. Als ich sie dem Profibefruchter zeigte und mich kleinlaut erkundigte: "Geht die wohl noch mal?", schwieg er kurz und erinnerte mich ein bisschen ungehalten daran, dass er mir doch gesagt hätte, ich solle sie nur mit warmen Wasser abwaschen ...

Versuch Nummer zwei hat leider auch nicht geklappt. Zwei Monate umsonst kein Bier getrunken! Außerdem bin ich fast geplatzt vor Mitteilungsbedürfnis! Irgendwann fing ich an, ein paar Freundinnen, meinen Eltern und meinem Bruder von meinen Aktionen zu erzählen, weil ich mich die ganze Zeit überhaupt nicht schwanger fühlte (was ich auch nicht war). Die ganze Sache war für mich so was von irreal. Erst als ich anfing, davon zu erzählen, wurde das Vorhaben irgendwie präsent … und dann hat es ja auch geklappt. Beim dritten Versuch war ich schwanger!

Zunächst hat es übrigens so ausgesehen, als hätte es wieder nicht hingehauen, weil ich ziemlich termingerecht meine Tage bekommen habe. Ich dachte: Scheiße!, bin auf eine Party gefahren und hab die Enttäuschung erst mal im Bier ertränkt. Am nächsten Tag reiste ich mit der Familie meines Bruders in den Urlaub nach Kroatien. Meine Periode war ziemlich schwach, was mich ein bisschen stutzig machte. Vorsichtshalber packte ich einen Schwangerschaftstest ein. Ein paar Tage später wollte ich endlich wissen, was Sache war. Also hab ich abends um fünf den Test gemacht. Aber nix – nur ein rosa Strich. Enttäuschung machte sich breit. Als mein dreijähriger Neffe den in die Ecke gefeuerten Test eine halbe Stunde später mit den Worten "Is des a Lutscher?" noch mal ins Spiel brachte, war klar und deutlich ein zweiter rosa Balken zu sehen. Yess! Schwanger!

Erst mal habe ich ein paar SMS rausgefeuert und dann den Konsum sämtlicher schädlicher Substanzen eingestellt, sprich: Ich habe meine Ernährung umgestellt von Bier und Fastfood auf Tee und Slowfood. Zurück in München, machte ich sofort einen Termin beim Inseminator aus, um die letzten Zweifel auszuräumen. Wenig später war ich stolze Besitzerin eines Mutterpasses. Der berechnete Geburtstermin war der 31.Januar 2009.

Die erste Hürde hatte ich genommen – und schon kam die nächste: die ersten drei Monate ohne Abgang überstehen. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Ich fragte mich: Was mach ich nur, wenn es abgeht? Überall in meinem Bekanntenkreis gab es auf einmal Abgänge. In der Agentur konnte ich noch niemandem sagen, dass ich schwanger war – und das, wo meine Kollegen sonst alles von mir wissen: von der Frau, an der ich gerade dran bin, bis zu meiner Lieblingsstellung. Ich hatte keine Geheimnisse.

Ende Juli, nach dem Frauenarztbesuch, bei dem alles positiv verlaufen war, stürmte ich endlich ins Büro meines Chefs. Das neueste Ultraschallbild hinter dem Rücken versteckt, sagte ich: "Du, ich muss dir was sagen, aber ich weiß nicht, wie, deshalb zeige ich dir dieses Foto ..." Weiter kam ich nicht, da sagte er schon mit einem Siegergrinsen: "Du bist schwanger!" Da hab ich erst mal doof geschaut, aber als ich ihn fragte: "Stimmt, aber woher weißt du das?" und ihm das Bild auf den Schreibtisch legte, war sein Grinsen wie weggewischt - er hatte nur einen Witz gemacht ... Erst mal war die ganze Agentur in Aufruhr und ich sehr erleichtert. Und am nächsten Tag hatte ich einen Stapel Babybücher auf dem Schreibtisch liegen. Im Februar kam mein Sohn zur Welt.



Leben in München als lesbische Familie

München präsentiert sich immer mehr als liberale und weltoffene Stadt. ... mehr lesen

Neuer Erfahrungsbericht

Diesmal: Stiefkindadoption
mehr lesen

Aktuelles

Verein LesMamas e. V. gründet sich in München Gründungsversammlung fand am 16. Oktober 2014 statt

zur Pressemitteilung